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Wie man ein Buch bespricht, ohne es gelesen zu hab

(Kishon sitzt an einem Tisch. Die Erzählerstimme ist über Lautsprecher zu hören.)

Erzähler: Die Sache mit Tola'at Shani bedrückt mich. Nein, das war wirklich nicht schön von mir. Vor einem halben Jahr hatte er mir sein neues Buch geschickt. Ich legte es auf den Schreibtisch oder sonst irgendwo hin. Und dort, wo immer es war, setzte es Spinnweben an. Zu Beginn kam ich noch mit den üblichen Ausreden durch...

Kishon steht auf und begegnet Tola'at Shani.

Kishon: Schon bekommen! Sobald ich ein paar freie Stunden habe, lese ich es!

Erzähler: Als ich ihm ein paar Wochen später wieder begegnete, ließ ich mich zu einer Bemerkung hinreißen.

Kishon: Ich bin mitten in der Lektüre. Wenn ich Zeit habe, muss ich unbedingt mit Ihnen darüber reden! Bis bald!

Erzähler: Und dann geschah das Unglück: Ich stellte mich gerade an einer Kinokasse an, als ich Tola'at Shani wieder traf.

(Etliche Leute stehen in der Reihe und kaufen Karten.)

Shani: Haben Sie das Buch schon ausgelesen?

Kishon: Ja, ja. Wir müssen uns ausführlich darüber unterhalten. Ich habe Ihnen eine ganze Menge zu sagen. Aber hier... in dieser Schlange... auf einem Bein...

Erzähler: Ich hatte noch nicht zu Ende gesprochen, als an der Kasse das Schild 'Ausverkauft' hingestellt wurde. Mein Schicksal war besiegelt. Nur ein plötzlich herabstoßender Steinadler hätte mich retten können, und in Tel Aviv gibt es leider keine Steinadler. Hingegen gibt es sehr viele Kaffeehäuser, so viele, dass man in einem von ihnen mit größter Wahrscheinlichkeit einen Tisch für zwei Personen findet. Tola'at Shani fand einen Tisch für zwei Personen. Und jetzt saßen wir einander gegenüber.

Shani: Also, Sie wollten mit mir über mein Buch sprechen.

Kishon: Ja. Ich bin froh, dass ich Sie endlich getroffen habe.

Erzähler: Verzweifelt suchte ich mir das Buch ins Gedächtnis zu rufen, aber vor meinem geistigen Auge erschien immer nur die braune Packpapierhülle, die ich noch nicht entfernt hatte. Wenn ich wenigstens wüsste, um was für eine Art von Buch es sich handelt! War es ein Roman? Eine Sammlung von Kurzgeschichten? Von Gedichten? Ein Theaterstück? Die bleierne Stille drohte mir den Atem abzuschnüren. Ich musste etwas sagen...

Kishon: Etwas muß ich sagen: Sie haben enorme Arbeit an dieses Buch gewendet.

Shani: Drei Jahre. Aber das Thema habe ich noch viel länger mit mir herumgetragen.

Kishon: Das spürt man sofort. Es ist ein reifes Werk. Ich bin sehr beeindruckt.

Shani: Von allem, was drinsteht?

Erzähler: Im letzten Augenblick entging ich der Falle. Tola'at Shani beobachtete mich scharf aus den Augenwinkeln. Hätte ich jetzt geantwortet: 'Ja, von allem' - er hätte sofort gewusst, dass ich das Buch nicht gelesen habe.

Kishon: Ich will ganz offen sein. Den Anfang finde nicht gerade überwältigend.

Shani: Auch Sie? Das hätte ich nicht gedacht. Ein erfahrener Schriftsteller wie Sie müsste wissen, dass jedes Buch eine Exposition braucht.

Kishon: Exposition hin, Exposition her. Die Frage ist, ob man von einem Buch sofort gefesselt wird oder nicht.

Erzähler: Tola'at Shani senkte den Kopf und sah so traurig drein, dass er mir leid tat. Aber warum schreibt er auch so langweilige Expositionen.

Kishon: Später kommt die Sache in Schwung. Ihre Figuren sind sehr gut gezeichnet. Und die Geschichte hat Atmosphäre. Und Rhythmus.

Shani: Sind Sie auch der Meinung, ich hätte die rein beschreibenden Teile des Buches um die Hälfte kürzen sollen?

Kishon: Wenn Sie das getan hätten, wäre es ein Bestseller geworden.

Shani: Möglich. Aber mir war es wichtiger, ganz genau zu erklären, warum Boris sich den Rebellen anschließt.

Kishon: Boris ist allerdings ein Charakter, den man nicht so bald vergessen wird. Man merkt, dass ihm Ihre ganze Liebe gilt.

Shani: Liebe? Ich liebe Boris? Diesen Verbrecher? Ich halte ihn für die widerwärtigste Figur, die ich je geschaffen habe!

Kishon: Das glauben Sie nur. Lassen Sie sich von mir gesagt sein, dass Sie sich im innersten Kern ihres geheimen Ich mit ihm identifizieren.

Shani: Was Sie da sagen, trifft mich wie ein Keulenschlag. Als ich das Buch zu schreiben begann, habe ich Boris gehasst, das weiß ich genau. Aber dann, als er in den Streit zwischen Peter und dem Marine-Attaché verwickelt wird und trotzdem seiner Mutter nichts davon erzählt, auch nicht von seinem Verhältnis zu Abigail... Sie erinnern sich doch?

Kishon: Und ob ich mich erinnere! Er erzählte seiner Mutter nichts...

Shani: Richtig. Da fragte ich mich also: Ist dieser Boris, mit all seinen Verirrungen und Unzulänglichkeiten, nicht immer noch ein wertvollerer Mensch als der Zoologe? Man versichert mir von vielen Seiten, dass dieses Buch, zumindest was die Handlung betrifft, mein bisher stärkstes ist.

Erzähler: Ich sah nachdenklich zur Decke hinauf, als wollte ich die bisherige Produktion des viel versprechenden jungen Autors mit einem einzigen Blick umfassen. Dabei habe ich noch keine Zeile von ihm gelesen. Wozu auch? Wer ist dieser Tola'at Shani überhaupt? Warum schickt er mir seine Bücher? Es galt, die Dinge an ihren Platz zu rücken.

Kishon: Ich würde nicht direkt sagen, dass es Ihr stärkstes Buch ist. Aber es ist bestimmt Ihr spannungsreichstes.

Shani: Sie meinen das Abendessen in der Wohnung des Sturmtruppenkommandanten und die Schilderung des nächtlichen Kamelwettrennens. Das hat Ihnen doch gefallen, oder nicht? Dann können Sie unmöglich etwas gegen das Schicksal einzuwenden haben, das ich Meir-Kronstadt und seinesgleichen bereite!

Erzähler: Heftiger Widerspruch stieg in mir auf. Der ganze Verlauf des Gesprächs widerstrebte mir. Viel zu vage und unsachlich war das alles. Jetzt sollten die Funken stieben. Jetzt ging es mit meiner Zurückhaltung zu Ende.

Kishon: Hören Sie, Tola'at Shani! Ich an Ihrer Stelle wäre auf diese Sache mit Meir-Kronstadt nicht so stolz!

Shani: Ich bin aber stolz auf ihn!

Erzähler: Das Blut schoss mir in den Kopf. Unglaublich! Der Kerl wagt mir zu widersprechen!

Kishon: Kronstadt ist ein Schwindler. Was er tut, überzeugt keinen Menschen. Mehr als das: Er ist überflüssig. Sie könnten ihn ohne Schaden für das Buch vollkommen weglassen.

Shani: Und wie, wenn ich fragen darf, soll ich dann den eigentlichen Konflikt vorbereiten?

Kishon: Nun - wie? Was glauben Sie wohl?

Shani: Sie denken wahrscheinlich an den Zoologen.

Kishon: An wen denn sonst.

Shani: Und Jekaterina? Stellen Sie sich das nicht ein wenig zu einfach vor? Außerdem scheinen Sie zu vergessen, dass Jekaterina von einem Auto überfahren wird!

Kishon: Muss sie denn unbedingt überfahren werden? Gerade sie? Wenn schon jemand überfahren werden muss, dann Abigail.

Shani: Lächerlich. Was soll das für einen Sinn haben?

Erzähler: Das war mir zuviel. Das darf man einem Fachmann wie mir nicht sagen. Seit dreißig Jahren lese ich so gut wie ununterbrochen Bücher - und dann kommt so ein Stümper und sagt 'lächerlich'.

Kishon: Sagten Sie 'lächerlich', Sie Stümper? Und Ihr Kamelwettrennen ist vielleicht nicht lächerlich?

Shani: Ich werde Ihnen sagen, was Ihnen an meinem Buch missfällt: Dass ich gewagt habe, auf banale Lösungen zu verzichten! Dass ich Boris nicht in der Tiberüberschwemmung zugrunde gehen lasse! Stimmt's?

Kishon: Sie sind diesem Lumpen ja geradezu verfallen! Und wenn Sie es wissen wollen: Seine Liebesaffäre mit Abigail ist ganz und gar unwesentlich!

Shani: Unwesentlich? Zu irgendjemandem muss sie doch gehören!

Kishon: Aber doch nicht zu Boris! Gibt es denn keinen andern? Meinetwegen zu dem Zoologen - wie heißt er gleich - Kronstadt!

Shani: Kronstadt ist kein Zoologe.

Kishon: Er ist ein Zoologe! Und wenn nicht Kronstadt, dann der Sturmtruppenkommandant.

Shani: Kronstadt ist der Sturmtruppenkommandant!

Kishon: Von mir aus kann er sein, was er will! Sie glauben offenbar, dass es schon genügt, Papier zu bekritzeln, damit ein Buch daraus wird. Hüten Sie sich! Wie steht's mit der Handlung? Mit den Charakteren? Mit den inneren Konflikten? Mit der Tiefe? Das soll ein Buch sein? Für wen? Für das Publikum gewiss nicht! Kein Mensch liest so ein Buch! Auch ich habe es nicht gelesen!

Shani: Sie haben es nicht gelesen?

Kishon: Nein. Und ich denke auch gar nicht daran!

(Er steht auf und geht.)

Erzähler: Damit ließ ich ihn sitzen. Wahrscheinlich sitzt er immer noch dort. Warum schreibt er auch so langweilige Bücher?

(ABBLENDE.)

Klaus Kirsten

© frei nach Ephraim Kishon

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